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Schule Charlottenburger Straße -
Ganztagsgrundschule mit jahrgangsübergreifendem Lernen








Psychomotorikkonzept

Das Entscheidende an unserer Konzeption des Psychomotorik-Angebotes ist, dass wir nicht an der pragmatischen Ebene der Gestaltung der Aufbauten ansetzen, z.B. einen Spielplatz im Raum, einen abwechslungsreichen Parcours, oder eine Fülle verschiedener Bewegungsabläufe herstellen, sondern dass wir die Erkenntnisse der Kinderneurologie über die Entwicklung der primären sensorischen Systeme des Kindes durch Bewegung als Leitfaden für unsere Arbeit ansehen, und demnach fragen: welche Defizite in der primären Entwicklung haben die Kinder unseres Einzugsgebietes? Welche Bewegungsangebote in der Psychomotorik können wir ihnen entsprechend machen? Welche Leitlinien gewinnen wir daraus für das Verhalten der Erwachsenen in der Psychomotorikstunde?

Die Erkenntnisse der Kinderneurologie über die Entwicklung der primären sensorischen Systeme des Kindes ganz kurz: Ganz früh entwickelt sich das taktile System in utero. Wahrnehmungsorgan (Rezeptoren) ist die Haut. Berührungsreize sind von Anfang an von großer Bedeutung für die gesamte neurale Organisation, da sie direkt zum Hirnstamm gehen und von ihm ausgehend die Informationen zu allen Zentren des Gehirns streuen.

Ein über- oder unterversorgtes taktiles System wirkt sich bei den Kindern im Rahmen unserer Arbeit aus z.B. auf die Möglichkeit, mit körperlicher Nähe anderer Kinder umgehen zu können, ein Gespür für Schmerz bei sich und anderen zu haben, sich "in seiner Haut wohl zu fühlen".

Das vestibuläre System, umfasst den Gleichgewichtssinn, die Raum-Lage-Orientierung. Wahrnehmungsorgan ist das Innenohr. Es bildet sich in ständiger Auseinandersetzung mit der Schwerkraft weiter aus.

Ein überempfindliches vestibuläres System lässt ein Kind z.B. in ständiger latenter Schwerkraftsunsicherheit verbleiben, es verliert leicht die Orientierung (auch im feinmotorischen Bereich), bewegt sich ängstlich oder angespannt, reagiert oft mit körperlichem Unbehagen. Ein unterempfindliches vestibuläres System lässt das Kind z.B. immer wieder zu haltungsstabilisierenden, abstürzenden Bewegungen greifen, und ständig hilfreiche Bewegungsimpulse suchen.

Das propriozeptive System, d.h. das sensorische System zur Wahrnehmung des eigenen Körpers z.B. des Körperschemas, der einzelnen Körperteile, der inneren Organe, der Bewegungsabläufe etc. spielt eine wichtige Rolle unter anderem bei der Koordination der beiden Körperhälften, der Bewegungsplanung, und Automatisierung von Bewegungsabläufen. Ist dieses System nicht gut entwickelt, ist das Kind z.B. zur ständigen optischen Kontrolle gezwungen, muss ständig Energie und Aktivität zur Eigenwahrnehmung "abzweigen", oder "fliegt in alle Teile auseinander".

So viel zu der Entwicklung der sogenannten Basissinne.

Zum Gelingen einer guten sensorischen Integration ist außerdem ein guter Muskeltonus nötig, d.h. die Grundspannung der Skelettmuskulatur darf weder hyperton - Anspannung, überschießende Bewegungen, kaum Entspannung, vielfältige begleitende Bewegungen, schlechte Dosierung der Kraft der Bewegung - noch hypoton sein - allgemeine Schlaffheit, ständig anregende und ausgleichende Bewegungsbedürfnisse.

Die Kinder unseres Einzugsgebietes haben vielfältige Beeinträchtigungen in ihrer frühkindlichen Entwicklung, zum Teil auch schon pränatal oder perinatal.

Unser Psychomotorikangebot soll - ähnlich wie eine sensorische Integrationsförderung - möglichst in der Konzeption jedes Aufbaus Angebote zur Anregung der Basissinne enthalten, also des taktilen, des vestibulären, des propriozeptiven Systems und die Verbesserung des Muskeltonus ermöglichen. Alle anderen Überlegungen, wie Einüben oder Verbesserung bestimmter Bewegungsabläufe, "sportliche" Leitlinien, oder Erreichen von bestimmten "Qualitäten" haben hierbei keinen Platz.

Die Entscheidung für "ein Angebot zur weiteren Entwicklung der Basissinne" verändert auch die Rolle des Erwachsenen in der Psychomotorikstunde. Wir müssen davon ausgehen, dass keiner so kompetent für die Bedürfnisse, Grenzen und Anregungswünsche des sensorischen Systems ist wie das Kind selbst. Hier geht es sozusagen um eine "neurologische Autonomie".

Anregungspotential ist allein das Angebot, nicht der Appell oder das Lob des Erwachsenen. Entscheidungsinstanz dafür, was, wann und wie genutzt wird, ist allein das Kind. Motivation, ein Angebot zu nutzen oder zu meiden, ist allein das Wohlbefinden des Kindes, das "mit sich selbst", also mit seiner Körpererfahrung, gute Erfahrungen macht. Die Rolle des Erwachsenen in der Psychomotorikstunde ist zunächst die des sehr offenen, beobachtungsbereiten Wahrnehmenden, der Defizite oder Stärken bei den Kindern entdecken kann, die man sonst im Schulalltag nicht so gut sehen kann.

Unsere Konzeption sieht vor, dass Psychomotorikstunden mit einer ganzen Klasse eigentlich möglichst zu zweit durchgeführt werden, leider ist das nicht immer möglich. Das macht unser eigentliches Anliegen deutlich: die Bezugsperson der Klasse soll möglichst frei sein dafür, dass sie einen qualitativ anderen Kontakt zu den Kindern verwirklichen kann: beobachten, körperliche Nähe und Kontakt anbieten, wenn die Kinder ihn wollen - z.B. mit ihnen in der Höhle sein, mit Sandsäckchen oder Decken das körperliche, taktile Bedürfnis befriedigen, sie in besonderer Weise schaukeln, mit ihnen auf dem Physioball oder der Romparolle Kontakt aufnehmen, oder was sonst der Bezugsperson selbst (und ihrem sensorischen System) entspricht.

Wichtig für uns ist die andere Qualität der Interaktion zwischen Erwachsenem und Kindern, die von den Kindern ausgeht (nicht Wertung, Lob, Aufforderung und Regulierung, sondern offenes Begleiten und Wahrnehmen von Bedürfnis nach Nähe). Jede Intervention, die wir von unserer Lehrerrolle her kennen, hat in der Psychomotorikstunde ausschließlich die eine sachliche Begründung: Abwendung von Gefahr. Das heißt, wir schützen die Kinder primär davor, von anderen gefährdet zu werden, durch aggressive Akte, durch machtvolle Eingriffe in ihr autonomes "Für-sich-selber-sorgen", durch leibliche Gefährdung mit Materialien, durch Störungen oder Versuche, sie zu etwas zu überreden, das sie nicht wollen. Interventionen, die das Kind selber vor sich schützen sollen, müssen sensibel abgewogen werden - ist es meine eigene Ängstlichkeit, die mich hier eingreifen lässt? Habe ich andere Vorstellungen, wie das Kind mit Material oder Aufbau umgehen soll? - eingreifen ist dann nötig, wenn das Kind gefährlich unsachgemäß mit Material oder Aufbau umgeht. Im übrigen denken wir, dass wir selbst einen Veränderungsprozess machen, wenn wir wirklich das Kind für autonom, für sein eigenes sensorisches System halten und dem Raum geben, dass wir selbst zum sensiblen Begleiter des Kindes werden.

Psychomotorik / K.-S. Gleim / Hamburg / Schule Charlottenburger Str.